Sie wollen Freiheit, nicht Luxus – Reportage aus Berlin (Mauerfall, 1989)
Zwei Wochen nach der historischen Öffnung der Mauer: Wie sehen DDR-Bürger ihre Zukunft? «Brückenbauer»-Reporter Iwan Raschle hörte sich um – hüben und drüben
Nach den ersten Tagen internationaler Euphorie kehrt Berlin langsam wieder zum Alltag zurück. In kilometerlangen Schlangen rollen sie dem Osten entgegen: die qualmenden «Trabis», Sinnbild östlicher Umweltverschmutzung und Armut schlechthin.
Der 30jährige West-Polizist Rolf lehnt sich erschöpft zurück und raucht eine Zigarette: «Ja, es war sehr anstrengend, das reinste Chaos.» Aber freuen tue er sich, obwohl er sein freies Wochenende habe opfern müssen. Nach Einführung der Visumpflicht, so glaubt er, werde es dann besser. Denn: «Auf die Länge kann weder die Polizei noch die ganze Stadt einen solchen Ansturm verkraften.»
Erschöpft ist auch Hans Hilbert, der zusammen mit seiner Familie in der «Trabi»-Kolonne vor dem Checkpoint Charlie dem warmen Abendessen entgegenträumt. Alle vier haben sie es genossen, sich im Westen etwas umzusehen: «Wir waren beeindruckt ob der Fülle angebotener Waren. Das haben wir noch nie gesehen.»
Dem Druck gewichen
Andere Eindrücke aber, nun verfinstert sich die Miene des sympathischen Ostberliners, überwältigten ihn gar nicht: «Denn wenn ich im DDR-Fernsehen einen jungen Mann sehe, der alles der Sozialistischen Einheitspartei (SED) zuschreibt und Egon Krenz hochjubelt, dann verstehe ich das nicht.»
Die in den letzten Tagen entstandenen Lücken in der Berliner Mauer schreibt der energische Computerfachmann denn auch nicht dem neuen Staatssekretär, sondern dem Volk zu: «Egon Krenz musste dem Druck der Bevölkerung nachgeben. Und das ist alles.» Sobald freie Wahlen durchgeführt werden, davon ist Hans Hilbert überzeugt, «kommt eine Regierung an die Macht, die von allen Bevölkerungsschichten und politischen Gruppierungen getragen wird».
Bis dahin aber ist noch ein harter, wenn auch zeitlich hoffentlich nicht sehr langer Weg. Zwar kehrten in den letzten Tagen beinahe alle Besucher wieder in den Osten zurück, doch ist mit der Öffnung der Mauer die existentielle Frage noch lange nicht gelöst: «Jetzt ist die Panik weg, da kann man in aller Ruhe hinüberfahren, Arbeit und eine Wohnung suchen, also die ganze Ausreise sorgfältig vorbereiten.»
Was die Rentner Ost-Berlins schon vor dem historischen 9. November gerne getan haben, lockt jetzt auch junge Arbeiter: als Grenzgänger im Westen zu arbeiten. Jürgen F., selbst (nicht erwerbstätiger) Rentner, sieht dies als grosse Gefahr der vorschnellen Öffnung. Und mit ihm viele jüngere Genossen wie auch das Neue Forum.
«Auf jeden Fall ist das ein Rückschlag für uns, was in den letzten Tagen geschehen ist», bedauert Hans Hilbert. Die wirtschaftlichen Konsequenzen seien überhaupt nicht abzuschätzen, eine riesige Inflation werde aber gewiss eintreten. Weshalb man auch auf die wirtschaftliche Hilfe des Nachbarstaates zählt. «Doch wenn man sieht, was die CDU in Westberlin von sich gibt, muss man annehmen, dass die nur auf einen Zusammenbruch warten, um dann die Wiedervereinigung feiern zu können.»
Und gerade diese Wiedervereinigung will man im Osten gar nicht: «Wir wollen keine Arbeitslosigkeit und keinen unsere Kinder bedrohenden Drogennotstand. Wir wollen nur ein besseres Leben. Und dieses ist nicht unbedingt mit materiellem Wohlstand gleichzusetzen», betont Stefan Obst, Strassenkehrer in Ostberlin. Er habe zwar den Westen der Stadt noch nie besuchen können, dennoch sei er überzeugt, «dass da drüben auch nicht alles Gold ist, was glänzt». Dem hohen Lebensstandard stünden ein ebenso hohes Risiko und ein ebenso hoher Leistungsdruck gegenüber.
Es mangelt an Freiheit
«Zudem hat der Sozialismus den einen Vorteil, dass wir bisher keine soziale Not kannten», gibt der 18jährige Schüler Werner zu bedenken. Jeder habe seine Wohnung und seinen Arbeitsplatz. Fehlen tue «nur» die Freiheit – jegliche Freiheit.
«Es war eine absolute Diktatur. Die Partei hat gemacht, was sie wollte», klagt Hans Hilbert. Dennoch habe sie die Bürger zu Recht mit den Worten ermahnt: «Wir bieten euch ja auch etwas.» Nur die menschliche Psyche sei dabei zu kurz gekommen …
Die Rentnerin Susanne Koch ist zwar froh, dass Erich Honecker «weg vom Fenster» ist, will ihn jedoch nicht verurteilen: «Der Mann hatte nur Angst, wieder von Faschisten beherrscht zu werden. Das kann man ihm doch nicht übelnehmen.» Nur könne ein von Wahnvorstellungen geplagter Mensch nicht Staatsoberhaupt sein.
Dem jetzigen Staatsoberhaupt Egon Krenz bringen die wenigsten Genossinnen und Genossen Vertrauen entgegen: «Krenz muss weg, die ganze SED muss weg. Diese Leute können nicht umdenken, haben noch nicht einmal begriffen, worum es eigentlich geht.»
Worum es im Sozialismus geht, lernte man bisher in der Parteischule. Und dort hat der Computerfachmann Hilbert gelernt, aber nicht eingesehen, dass es keinen «dritten Weg» gibt, entweder Sozialismus oder Kapitalismus, nichts dazwischen.
«Wir benötigen aber einen Mittelweg», fordert der überzeugte Sozialist weiter, «denn bei uns fehlt jegliche Arbeits- und nicht selten auch die Lebensfreude.» Nach der Arbeit, so wirft seine Frau ein, müsse man noch stundenlang den Einkäufen nachlaufen: «Wir stehen am Wurst- oder Fleischstand, bis nichts mehr da ist.»
Abends, nach der Arbeit, könne man sich denn auch nicht einfach überlegen: «Was koche ich nun, worauf habe ich Lust?» Die Lust habe sich nach dem Angebot zu richten. «Und wenn dieses in dreckigen Regalen präsentiert wird, vergeht einem auch noch der letzte Hunger.»
Unbekannte Lebensfreude
So war die Familie Hilbert denn auch begeistert ob den selbst bei noch so grossem Andrang freundlich gebliebenen Verkäuferinnen am Kurfürstendamm: «Wir haben kein einziges böses Wort gehört. Da war eine Lebensfreude, die wir bei uns nicht kennen.»
Eine nebst dem überwältigenden Angebot ebenso überwältigende Freundlichkeit beeindruckt denn auch die meisten wieder zurückkehrenden «Trabi»-Fahrer: «Es ist nicht bloss das Einkaufen, es ist vielmehr die freundschaftliche Atmosphäre, die uns lockt, wieder nach Westberlin zu kommen.» Allerdings erst dann, «wenn das mit dem Geld» geregelt sei.
Szenenwechsel: Ostberlin, Alexanderplatz. Auch hier hat der Alltag wieder begonnen. Geschäftiges Treiben wird nur von kurzen Gesprächen auf der Strasse unterbrochen. Auch hier herrscht Freude: «Für uns Berliner ist das einfach wunderbar.»
Angst, die Regierung könne alles wieder rückgängig machen, hat man nicht, hofft aber auch nicht auf eine Wiedervereinigung. Denn noch haben die zurückgebliebenen Genossen «auszulöffeln, was ihnen die Übersiedler eingebrockt haben». Und das heisst nach Hans Hilbert: «Weiterbauen am sozialistischen Haus DDR, wobei jedoch der ,dritte Weg’ begangen werden soll.»
Lässt der Ost-Besucher dann den Alexanderplatz hinter sich, um durch Aussenquartiere wieder dem Westen zuzugehen, wird jene von Übersiedlern eingebrockte Suppe sichtbar: «Da sich vier Leute unseres Betriebes in den Westen abgesetzt haben, bleibt das Geschäft vorübergehend geschlossen.» Überall werden Fachkräfte, Arbeiter und Hilfspersonal gesucht: Es gibt viel zu tun, doch wer packt an?
«Gestern hatte ich Probleme mit meinem Auto», erzählt Hans Hilbert. «Weil ich dann ein wenig später im Betrieb eintraf, wurde ich bereits mit den Worten begrüsst: ,Ach, du kommst doch? Wir dachten schon, du seist drüben geblieben.’» Man rechnet täglich damit, einen Arbeitskollegen zu verlieren, und ist gar nicht mehr überrascht, wenn er dann wirklich nicht mehr zurückkommt.
«Bei uns ist letzte Woche der technische Direktor im Westen geblieben.» Das habe dann zu grossem Unmut geführt. Unmut darüber, dass bisher immer jene Leute vom Staatssicherheitsdienst bespitzelt worden seien, die stets brav zurückkehrten. «Die wichtigsten Kaderleute wie dieser Direktor der Führungsstufe eins setzen sich dann im entscheidenden Moment ab. Dann, wenn der Betrieb, und mit ihm der Staat, Führungskräfte bräuchte.»
Was bleibt, ist Hoffnung
Inzwischen werden in der DDR – hofft man nun auf Rücksiedler – die Stellen ausgeschrieben oder durch ungelerntes Personal besetzt: Angehörige der Volksarmee arbeiten als Maler oder Maurer, Hausfrauen in der Gastronomie und viele Ausländer aus der Türkei oder Polen als Hilfskräfte.
Bei allen Schwierigkeiten im Osten und Verlockungen im Westen sind sich die Genossinnen und Genossen aus der DDR doch in einem einig: «Wir bleiben ein sozialistisches Land.» Denn: «Der Kapitalismus kann auch nicht das Wahre sein, sind doch selbst dort viele Leute unglücklich. Den ,dritten Weg’ zu finden, den Leuten soziale Sicherheit zu gewähren, ihnen aber nicht die Lust an der Arbeit nehmen: Das wollen wir.»
Ein gewisser Reichtum also, «damit man in den Läden auch etwas bekommt», schliesst Hans Hilbert, der mit seinem «Trabi» am Checkpoint Charlie, Übergang Friedrichstrasse, die Grenze passiert: «Und als Wichtigstes wünschen wir uns die individuelle Freiheit. Ich hoffe, dass dies jetzt alles kommt.»
Weitere Details zu meinem beruflichen Weg und meinen Schwerpunkten finden Sie unter «Über mich».
